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Patienten mit Hypertonus ohne Symptome an hausärztliche Versorgung weiterleiten

Björn Hossfeld |

Foto: Britta Radike

Hypertonie ist inzwischen eine häufige Indikation für die Entsendung von Notärzt*innen.

In vielen Fällen sind Patient*innen beunruhigt, die regelmäßig selbst ihren Blutdruck messen, da sie einen erhöhten Wert gemessen haben. Die individuelle Grenze steht oft im Zusammenhang mit einem vom Hausarzt oder der Hausärztin vorgegebenen Wert. Häufig berichten die Patienten dann, der Blutdruck sei von Messung zu Messung angestiegen.

Müssen wir solche Patienten in einer Notfallaufnahme vorstellen?

Für diese Frage müssen wir zunächst die Begrifflichkeiten unterscheiden: Ein hypertensiver Notfall bezeichnet eine Situation mit unkontrollierten, in der Regel ausgeprägt hypertensiven Blutdruckwerten, die mit akutem Endorganschaden oder -versagen einhergehen [1]. Davon zu trennen ist eine deutliche Blutdruckerhöhung ohne akuten Organschaden bzw. ohne ausgeprägte Symptome („hypertensive Entgleisung“) [1].

Daher ist es zunächst wichtig, nach Hinweisen auf Endorganschäden zu anamnestizieren; dazu gehören sowohl ein 12-K-EKG, als auch die Frage nach Brust- oder Kopfschmerzen, sowie eine neurologische Untersuchung.

Patienten mit positivem Befund, sollten einer klinischen Abklärung zugeführt werden!

Spannend bleibt die Frage, wie die Patienten zu behandeln sind, deren Anamnese neben dem erhöhten Blutdruck blande ist.

Diese Frage haben sich McAlister und Kollegen von der Universitätsklinik Edmonton angenommen [2]:

In dieser retrospektiven Kohorten-Analyse wurden 14.717 Patienten in Alberta, Canada betrachtet, bei denen im Rahmen einer Vorstellung in einer Notfallaufnahme (gleich aus welchem Grund) ein erhöhter Blutdruck gemessen wurde.

Da das Gesundheitssystem in Canada eine provinzweite Nachverfolgung der Patientendaten zulässt, wollten die Kollegen wissen, bei welchem Anteil dieser Patienten in den folgenden zwei Jahren ein erhöhtes Risiko für cardiovaskuläre Erkrankungen, wie ein akutes Coronarsyndrom (ACS), eine transistorische ischämische Attacke (TIA), ein Schlaganfall oder gar Tod bestand.

Auf den ersten Blick schien dies für die 897 Patienten mit einem Blutdruckwert ≥180/110 mmHg zu zutreffen, nach Adjustierung für die Faktoren Alter, Geschlecht und Grunderkrankungen konnte kein erhöhtes Risiko mehr gezeigt werden.

Die Autoren schließen deshalb, dass Patienten mit einem erhöhten Blutdruck ohne Hinweise auf neurologische oder cardivaskuläre Endorganschäden keiner akuten Therapie bedürfen, sondern über die hausärztliche Betreuung eine langfristige Blutdruckeinstellung erfahren sollten.

Fazit:

Als Notarzt dürfen wir also solche Patienten zuhause lassen und an den Hausarzt oder die Hausärztin verweisen, nachdem wir sie darüber aufgeklärt haben, bei welchen Symptomen sie sich wieder akut melden sollen.

Literatur:

  1. Watschinger B, Arbeiter K, Auer J, et al. Klassifikation, Diagnostik und Therapie der arteriellen Hypertonie 2013: Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH). J Hypertonie 17: 99–108 (2013)
  2. McAlister FA, Youngson E, Rowe BH. Elevated Blood Pressures Are Common in the Emergency Department but Are They Important? A Retrospective Cohort Study of 30.278 Adults. Ann Emerg Med77: 425–432 (2021)